Montag, 6. August 2007

New Kids on the Block

Am Mainzer Bruchweg. Sinnbild fußballkultureller Konfusion: Von der Innenstadt kommend muss man den Berg hoch, relativ steil und lang, Betzen- oder Bökelberg grüßen schön. Die letzten Meter geht es, ganz dem Vorbild des Fußballmutterlandes folgend, durch eine Arbeitersiedlung. Kleiner Unterschied: Es ist in Wirklichkeit eine ehemalige Kaserne der Besatzungsmacht aus dem Mutterland des eiertretenden Football, die heutigen Bewohner vielleicht ehemals Arbeiter, heute eher Arbeitslos. Und was sich dann als Spielstätte unvermittelt vor einem aufbaut sieht auch nicht unbedingt nach Highbury, Anfield oder Maine Road aus. Als beeindruckend zu bezeichnen ist hier vielleicht die Wellblechwand, die dem Aussenstehenden den Blick aufs Spielfeld, den innen angebrachten Fernsehkameras den Blick auf die aussenvor gebliebenen Zeugen der deutschen Discountrepublik ersparen: die Parkplätze von Aldi und Lidl, die in stiller Eintracht... nein, an dieser Stelle ist Schluss, mit der Eintracht hat das alles wirklich nix zu tun.

Nach dem erfolgreichen Passieren der standardisierten Einlasskontrolle wird klar, dass der ohnehin nicht sehr beeindruckende Schein ein noch bedauernswerteres Sein als erwartet kaschieren muss. Hier ist kein Stein auf dem anderen, buchstäblich das ganze Stadion besteht aus Stahlrohrtribünen. Das ganze Stadion? Nein! Die Haupttribüne scheint eine robuste Betonkonstruktion zu sein, aus dem Innenraum betrachtet recht authentisch. Macht man sich jedoch den Spaß, außen um das Alteisenlagerkonstrukt herumzuspazieren, so entdeckt man rasch den vermessenen Versuch, dem kleinen Ganzen auch noch den mondänen Touch moderner Sportevents zu verpassen: Bierzelte mit VIP-Schildchen, nachträgliche in die Stadionfassade eingelassene Glasfronten und hässliche Ordner in schlecht sitzenden Anzügen machen das alles andere als runde Gesamtbild noch ein bisschen eckiger. Zwanzig Minuten später finden wir uns alle auf der Stehrohrtribüne wieder: Wenige waschechte Wehener, nach dem Aufstieg vom Dorfplatz auf die Profibühne noch voll in der Fangründerphase, auf der Suche nach Identität mit guten Ansätzen, insgesamt jedoch noch etwas überfordert. Wenige Frankfurter, die den Support supporten. Desweiteren: Einige versprengte Stuttgarter, die nicht weiter ins Gewicht fallen und sich hier auch keine Sorgen machen müssen. Und ein ganzer Haufen der allseits beliebten Spaßvögel aus Mainz. Dass sie ihr Territorium hinter dem Tor nicht kampflos aufgeben wollen wäre unter normalen Umständen der naheliegendste Grund für ihre Anwesenheit. Aber Mainz ist bekanntlich anders, spassiger, weil aber doch keiner lacht oder sich sonstwie bemerkbar macht scheinen sich die Karnevalisti einfach nur ihre tödliche Langeweile vertreiben zu wollen. Erfolglos, so hört es sich an. Diese, für eine Hintertortribüne etwas zu bunte Melange aus Gästen und Anhängern unterschiedlicher Couleur, führt zu einem Stimmungsbild, wie es für die Mainzer Fußballrealität typischer kaum sein könnte. Unermüdlich animiert von einer Stimmungskanone am Stadionsprechermikrofon tut sich fast gar nichts. Das überträgt sich auf die schräg gegenüber anwesende Fanschar des VfB, sie verharren in stimmungsloser Lethargie.

Die Mannschaft des SV Wehen braucht eine knappe Halbzeit um festzustellen, dass auch der Deutschen Meister nicht mehr als 22 Beine zum Balltreten zur Verfügung hat. Ab der 40. Minute gibt es so wenigstens innerhalb der Spielfeldumrandung wettbewerbstauglichen Sport zu bewundern. Wenig später schafft der Schiedsrichter, was dem Animator partout nicht gelingen wollte: Mit einigen wohlüberlegt eingestreuten Fehlleistungen bringt er Spieler und Publikum in unerhörte Rage. Die Umstehenden werden lauter und ungehaltener, zum ersten Mal hallen Denunziationen in respektabler Lautstärke über den Platz, gefolgt von einem Raunen des Erstaunens und der Begeisterung über die eigene Leistung. Langsam bekommt die Sache Niveau. Die ersten Mainzer Besserfans verlassen darauf die Stellung. „Unmöglich“, lamentieren sie, „da müssen wir uns ja nicht wundern, wenn die anderen sauer würden!“ Ja, genau, ihr habts echt raus. Und raus gehen sie, derweil rücken die Entrückten, die Verrückten, näher zusammen. Kurz vor Ablauf der Spielzeit erklärt der Unparteiische Stuttgart zum Sieger und erspart den Hessen damit eine weitere Woche der Ungewissheit, wie man sich selbst denn nun in der Professionalität einzuordnen habe. Die Stimme des Plebs ist am Ende geeint, der Mannschaft ein Zeichen gesetzt – Wehen und Wiesbaden sind angekommen. Als temporärer Fixstern am güldenen Firmament des Fußballhimmels, dem Spiegel unserer Zeit. Mögen Sie dort lange verweilen. Und mögen diese seltsamen Mainzer Umstände ein einmaliges Erlebnis bleiben, ein Mahnmal, wie man sich als neu entstehender Teil der Fußballbegeisterten bitte unter keinen Umständen gerieren möge.
logo

Die runde Welt des Fußballs - reduziert auf Frankfurter Niveau

User Status

Du bist nicht angemeldet.

Aktuelle Beiträge

Gewonnen oder verloren?
Gewonnen sind die ersten drei Punkte, das erste Quantum...
frankfurterniveau - 24. Okt, 13:35
Bruderhilfe
Nun ist es doch soweit. Nach Oualid wird auch Bruder...
frankfurterniveau - 16. Okt, 15:30
Hmm...
Korkmaz ist also wieder vollständig genesen. Das ist...
frankfurterniveau - 14. Okt, 10:08
Deutschland-Adler auf...
Kaum Interesse mag bei mir das Qualifikationsspiel...
frankfurterniveau - 11. Okt, 13:06
Mitten im Nichts
Oder wie will man die gefühlte wie tabellenmässig manifestierte...
frankfurterniveau - 7. Okt, 14:25

Links

Web Counter-Modul

Suche

 

Status

Online seit 6640 Tagen
Zuletzt aktualisiert: 24. Okt, 13:35

Credits


Profil
Abmelden
Weblog abonnieren